Mittwoch, 4. April 2012

Alte Freunde kann man nicht finden.



In jedem Leben gibt es Stationen, quasi Lebensabschnitte, die man wieder verlässt und dabei oft auch die Umgebung wechselt. Man lernt neue Menschen kennen, findet neue Freunde, um dann wieder an einem anderen Ort von vorne anzufangen.
Irgendwann hat man vielleicht auch die Station erreicht, an der man für eine längere Zeit verweilt oder vielleicht sogar für den Rest seines Lebens.
Freunde kann man in all diesen Abschnitten sammeln; man findet sicherlich auch immer wieder neue Freunde-
nur alte Freunde, die kann man nicht finden.

Ein alter Freund ist jemand der dich kennt und der dich versteht, weil er weiß wer du bist.
Nicht weil du es ihm erzählt hast, sondern weil er deine Entwicklung miterlebt hat
und weil er weiß, was dich prägt und ausmacht.
Du musst ihm nicht erklären, wie du dich fühlst- manchmal erklärt er es dir.
Du musst ihm auch nicht sagen, wann du ihn brauchst und wenn es dir schlecht geht- er hat ein Gefühl dafür.
Von ungefähr kommt so etwas natürlich nicht, es entsteht.
Es liegt an jedem selbst, so einer Entwicklung Platz zu geben und sie zu fördern oder eben nicht.
Die Uhr tickt. Ein alter Freund kann nur dann ein eben solcher sein, wenn du ihn lange kennst.
Der Grund ist simpel:
Irgendwann bist du an dem Punkt angelangt, dass du Menschen kennen lernen wirst, aber dass du es müde bist ihnen deine Lebensgeschichte zu erzählen; auch deshalb weil es immer schwieriger wird.
Die Energie und die Freude daran immer wieder neue Menschen in sein Leben hineinzulassen wird nachlassen, weil wir beginnen uns auf andere Dinge zu konzentrieren. Familie und Beruf werden viel Zeit beanspruchen; natürlich bleibt Zeit für die sozialen Kontakte, jedoch ist nichts so zeitintensiv wie der Aufbau einer Freundschaft.
Die Probleme werden allerdings nicht weniger, nicht selten sogar mehr; wir brauchen also jemanden, der uns dabei hilft Lösungen zu finden.

Ereignisse betrachten Menschen unterschiedlich, quasi aus unterschiedlichen Winkeln von diversen Standorten- das bedeutet das Geschehnisse in unserem Leben durchaus komplett anders wahrgenommen werden.
Jemand der  mich kennt, dem ich mich seit wirklich langer Zeit anvertraue, wird die Situation hautnah analysieren. Er kann sie in Verbindung mit vorherigen Geschehen bringen und weiß was mich besonders berührt und herausfordert.

Ein alter Freund ist quasi der beste Lebensberater; jemand der deine Biographie kennt, nicht weil er sie gelesen oder du sie ihm erzählt hast, sondern weil er sie erlebt hat; bewusst erlebt, das bedeutet, er hat immer Interesse an dir und deinem Leben gehabt.
Ein alter Freund ist gewiss mehr als Lebensberater und Seelsorger.
Er ist oft das was bleibt- ob nach gescheiterter Beziehung, Verlust der Arbeit oder sonstiger Tragödie des Lebens, er ist da und geht mit.
Mit ihm kannst du die alten Geschichten wieder vor Augen haben, ohne die Fotos rauskramen zu müssen.
Er hilft dir, dir treu zu bleiben. Nur ein alter Freund kann so etwas, nur er hat den Vergleich und bemerkt wie Dinge auf dich einwirken.
Im Rückschluss hast du die selbe Bedeutung und die selben Funktionen für ihn- und es ist besonders eine solche Rolle in dem Leben eines anderen Menschen spielen zu dürfen, denn es erfüllt.

Warum ein Plädoyer für intensive Freundschaft?
Woran denkt man, wenn man die Phrase Kontakte machen hört?
An Freundschaft oder an Karriere?
Irgendwie ist es wohl zu einem Wandel gekommen in der Zielsetzung und Wertschätzung.
Ob bewusst dafür entschieden oder mehr oder weniger in dieses Schema hereingepresst ist eine andere Geschichte- letztlich entschließt sich aber jeder selbst, wie er seine Zeit und sich selbst investiert.
Manchmal ist man zu fixiert darauf sich selbst zu verwirklichen- ein so oft falsch interpretiertes Lebensziel. Man konzentriert sich darauf nicht in dem Schatten der anderen zu stehen, um im Endeffekt, gefrustet in seinem eigenen, zu bemerken, dass etwas fehlt.
Nicht umsonst sind Life- Coaches ein neues Phänomen unserer Zeit.
Diese Menschen übernehmen Aufgaben, die eigentlich die langjährigen Freunde inne haben; und wir bezahlen sie auch noch dafür. Die wenigsten denken darüber nach, warum sie eigentlich jemanden brauchen, der ihnen sagt, wie sie glücklicher werden.
Klar muss man hier differenzieren-  Menschen mit Depressionen und die, die psychologische Hilfe brauchen, machen genau das Richtige, wenn sie sie in Anspruch nehmen.
In den anderen Fällen schadet es nicht umzudenken, anstatt blind fremde Hilfe zu konsultieren.

Es ist Zeit Akzente zu setzen, sich nicht mitreißen zu lassen von dem Karrierekonsum, der nur die nützlichen Kontakte impliziert, sondern sich Zeit zu nehmen für die Kontakte, die sich Freunde nennen- und im besten Fall zu alten Freunden werden.

Kommentare:

  1. Wirklich gut geschrieben.

    Besonders hat mir dieser Abschnitt von dir gefallen:
    "Irgendwann bist du an dem Punkt angelangt, dass du Menschen kennen lernen wirst, aber dass du es müde bist ihnen deine Lebensgeschichte zu erzählen; auch deshalb weil es immer schwieriger wird."

    Damit hast du vollkommen recht. Ich hatte nie wirklich eine/n beste/n FreundIn. Früher hat es mich gestört, jetzt kann ich damit leben. Und wie du geschrieben hast, wird es immer anstrengender mit der Zeit einer Person alles "von vorne" zu erzählen, vielleicht auch weil man fürchtet, dass die Person nicht alles verstehen würde.

    Das einzige Problem bei solchen Freundschaften ist das Risiko, dass man sich eines Tages auseinanderlebt, egal wie eng der Kontakt auch ist. Ich denke, dass manche von uns müde werden, einem guten Freund bzw. einer guten Freundin immer die gleiche Aufmerksamkeit zu geben wie es früher einmal war. Manchmal schleicht sich das Ende einer Freundschaft an und man merkt es erst, wenn man dem anderen nichts mehr zu sagen hat.

    Lg

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